PRESSEBERICHTE

Cottbus/Chemnitz. "Klar ist Wehmut dabei. Aber ich genieße das alles auch irgendwie, mal ohne Druck zu fahren", gab Christin Muche gestern Einblicke in ihre Gefühlswelt nachdem sie auf dem Zementoval in Cottbus ihr Trainingspensum absolviert hatte. Die Sprint-Spezialistin vom Chemnitzer PSV bestreitet heute bei den deutschen Meisterschaften mit dem 500-m-Zeitfahren die erste Entscheidung. Diese und die zwei weiteren im Sprint sowie im Keirin werden jedoch ganz besondere für die Ausnahmeathletin sein. "Ich beende danach definitiv meine Laufbahn. Und inzwischen kann ich mich auch schon auf alles das freuen, was jetzt kommt", meinte die Polizei-Obermeisterin, die als bislang einzige deutsche Weltmeisterin in einer Sprintdisziplin (Keirin) 2006 Geschichte schrieb.

Dieser wichtigen Entscheidung, die nunmehr relativ einfach und nüchtern klingt, gingen jedoch viele emotionale Momente voraus. "Ich habe sehr lange überlegt und abgewogen, aber es wurde immer schwieriger für mich. Nach einem Training vergangene Woche war es dann soweit. Ich kam nach Hause und habe erst einmal geheult. Dann bin ich zu meinem Trainer Ralph Müller gefahren und habe mit ihm als erstes darüber gesprochen", berichtete die 26-Jährige über eine für sie quälende Zeit. Doch seither fühlt sich "Mucki" erleichtert, hat wieder ein Strahlen in den Augen, versprüht, wie von ihr meist gewohnt, gute Laune.

Der Zeitpunkt der Bekanntgabe überrascht schon. Denn vor Jahresfrist wäre die Sache zunächst eher nachvollziehbar gewesen. Damals konnte Christin Muche bei den deutschen Meisterschaften nicht starten, weil sie zuvor acht Monate wegen einer Bandscheiben-Operation pausieren musste. Aber nach dieser ungewollten Auszeit kehrte sie mental gestärkt und mit viel Ehrgeiz zurück. Bei den Weltcups im Dezember hatte sie die internationale Spitze wieder erreicht, mit einem Sieg und der Gesamtführung im Keirin sowie weiteren Top-Platzierungen verblüfft. Damit sicherte sie sich zeitig das Ticket für die WM im März, schwebte nach dem eindrucksvollem Comeback ein wenig auf Wolke sieben.

Doch später beim Saisonhöhepunkt in Kopenhagen landete die gebürtiger Cottbuserin hart auf dem Boden der Tatsachen. Frühzeitig schied sie nicht nur im Sprint, sondern auch in ihrer Lieblingsdisziplin Keirin aus. Die WM war eine riesige Enttäuschung für sie. Dennoch gab sie nicht sofort auf, zumal sie sich in ihrer 17-jährigen Laufbahn schon mehrfach aus einem Tief herausgekämpft hatte. Doch dieses Mal wollte dies nicht gelingen, wobei schon in den Monaten seit Jahresbeginn alles zäh lief. "Der Kopf war leer. Ich spürte, dass ich irgendwie keine Kraft mehr hatte, konnte mich nicht mehr so richtig motivieren", nennt die Wahl-Chemnitzerin einige Gründe. Mehrfach fragte sie sich, warum sie sich eigentlich noch so quälte, zumal sie einschätzte, dass sie wohl nicht mehr in der Lage sei, ganz vorn dabei zu sein. Dazu kam, dass ihr von den Verbands-Verantwortlichen der Kaderstatus entzogen wurde, im Umfeld nicht mehr alles passte.

Das bezieht sich jedoch in keiner Weise auf die Chemnitzer Trainingsgruppe und ihren Coach Ralph Müller, von dem sie voller Dankbarkeit und Hochachtung spricht. "In der Truppe habe ich mich immer sehr wohl gefühlt, meinen Wechsel von Cottbus nie bereut", wertet Christin Muche, die im Sommer 2007 den Neuanfang in Sachsen gewagt hatte. Nach einer enttäuschenden Saison 2007 schaffte die Weltmeisterin von 2006 dann 2008 mit WM-Bronze erneut den Sprung auf das Podest. "Es war insgesamt eine gute Zeit. Was ich erreicht habe, kann mir keiner nehmen. Für mich wurde zweimal bei einer WM die Hymne gespielt, das vergisst man nie", blickt die Junioren-Weltmeisterin (2000) und zweifache Europameisterin (2005) auch ein wenig stolz zurück

Ihre Paradedisziplin Keirin dominiert Christin Muche national seit Jahren, gewann bei jeder ihrer Meisterschafts-Teilnahmen Gold (insgesamt 6 Mal). Es wäre ihr zu wünschen, das sie dies nun auch zum Abschluss nochmals schafft.

Von Martina Martin

Erschienen am 08.07.2010

© Copyright Chemnitzer Verlag und Druck GmbH & Co. KG


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